Der Schößmeier (Schessmaier) oder Laubmann
In der Vogtei hat sich ein uralter Brauch erhalten, der heute in dieser Form nur noch in Oberdorla, Niederdorla und Langula lebendig gepflegt wird. Da es sich beim Schößmeier bzw. Laubmann wahrscheinlich um einen sehr alten Frühlings- und Fruchtbarkeitsbrauch handelt, lassen sich Ursprung, Entwicklung und Namensgebung heute nicht mehr eindeutig nachweisen.
Der Schößmeier ist ein aus Kränzen von frischem Laub und Blüten bestehender Aufbau, welcher von einem Kreuz gekrönt wird. In Niederdorla und Langula obliegt seine Anfertigung, Ausgestaltung und Präsentation den „Kinderrechnungen“ der beiden Dörfer. Jedes Jahr an Pfingsten feiern die Kleinsten des Dorfes gemeinsam das Pfingstwochenende unter der Organisation zweier Kinderplatzmeister und deren Eltern. Dieser Zusammenschluss nennt sich „Kinderrechnung“. In Niederdorla wird der Schößmeier am Pfingstsonntag auf einem Pferdewagen durch das Dorf gefahren, gefolgt von einer Festkutsche mit den Kinderplatzmeistern und mehreren geschmückten Kutschen, auf denen die Kinder der Kinderrechnung Platz finden und durch das Dorf gefahren werden. Auch in Langula und Oberdorla wird der Schößmeier mit Pferdestärken durch die Orte gefahren. In Langula – hier wird er der „Laubmann“ genannt - wird der Zug angeführt von den reitenden Kinderplatzmeistern und jungen Mädchen in Tracht, welche traditionelle Frühlingslieder singen. Die Rechnungsgesellschaft Oberdorla e.V. gestaltet den Schößmeier-Brauch im größten Vogteidorf am Pfingstmontag. Bis 1892 gab es auch in Oberdorla eine Kinderrechnung, welche ab 1893 in ein jährliches Kinderfest im Sommer überging. Ursprünglich verbarg sich unter dem Schößmeier ein Kind aus dem Ort, dessen Identität geheim bleiben musste. Auf Rufe der umstehenden Zuschauer, z.B. „Stuffo pfief emol!“ hatte dieses Kind mit einer Pfeife zu antworten. Dieser wichtige Aspekt des Brauchs wird auch heute noch z.T. praktiziert. In Langula antworten die Schaulustigen auf die von den Kindern gestellte Frage „Ratet mal, wer unter dem Laubmann steckt?“ mit „Der Frühling“. Früher erhielt im Nachgang nahezu jeder Hof des Dorfes einen Kranz des Schößmeiers. Heute werden sie als Dank an Sponsoren und Unterstützer übergeben oder zugunsten der Kinderrechnungen verkauft. Der grüne Kranz zählt seit Jahrhunderten zu den bedeutendsten Fruchtbarkeitssymbolen des ländlichen Raumes.
Die Bezeichnung „Schößmeier“ oder „Schessmaier“ setzt sich wahrscheinlich aus dem Mundartwort „Schesserchen“ für frische grüne Triebe und Zweige sowie dem Wort „Maie“ für Maibaum zusammen. Diese Erklärung erscheint auch deshalb überzeugend, weil der Schößmeier – ebenso wie verwandte Pfingstbräuche aus anderen Regionen (der „Grüne Mann“ oder der „Laubkönig“) mit frischem Grün und jungen Zweigen geschmückt wird. Inzwischen hat sich die Schreibweise mit dem Umlaut jedoch etabliert und wird deshalb auch in diesem Artikel beibehalten.
Nach heutigem Forschungsstand wird davon ausgegangen, dass der Ursprung in einem sehr alten Vegetations- und Fruchtbarkeitskult zu suchen ist, der sich im Laufe der Jahrhunderte wandelte und schließlich in die christlichen Pfingstbräuche integriert wurde. Vieles bleibt jedoch Gegenstand wissenschaftlicher Deutungen und Vermutungen. Bereits 1957 untersuchte die Volkskundlerin Prof. Dr. Ingeborg Weber-Kellermann die Frühlingsbräuche Thüringens. Sie war beeindruckt von dem lebendigen Brauchtum, das sie insbesondere in der Vogtei vorfand. In ihrem 1960 erschienenen Aufsatz „Laubkönig und Schößmeier. Geschichte und Deutung pfingstlicher Vegetationsbräuche in Thüringen“ beschreibt sie den Schößmeier bzw. Laubmann als ein außergewöhnliches Beispiel dafür, wie sich ein uralter Fruchtbarkeitsbrauch über Jahrhunderte erhalten und gleichzeitig an die gesellschaftliche und politische Entwicklung einer Region angepasst hat. Die Vogtei erschien ihr als eines der letzten Gebiete Thüringens, in denen sich diese Entwicklung noch nahezu vollständig nachvollziehen ließ – und bis heute nachvollziehen lässt.
Sehr wahrscheinlich muss der Ursprung dieses Kultes jedoch noch weiter und umfassender gedacht werden. Schößmeier und Laubmann als geheimnisvolle, verhüllte Gestalten, welche auf einem Wagen durch Dorf und Flur gefahren werden, weisen erstaunliche Parallelen mit dem von dem römischen Geschichtsschreiber Tacitus beschriebenen Nerthus-Kult auf. Nerthus war eine germanische Fruchtbarkeitsgöttin, die verhüllt auf einem Wagen durch die Siedlungen gefahren wurde. Ihre Ankunft wurde feierlich begangen, und niemand durfte ihren Schleier lüften oder ihre wahre Gestalt sehen. Angesichts der herausragenden Bedeutung des Opfermoores in der Zeit der Germanen erscheint es durchaus möglich, dass entsprechende Vorstellungen und Rituale auch die heutige Vogtei erreichten.
So lässt sich der Schößmeier möglicherweise auch als Verschmelzung verschiedener Traditionen verstehen, als ein gewachsenes Brauchtum aus uralten Fruchtbarkeits- und Vegetationskulten sowie germanischen, politischen, kirchlichen und kulturellen Einflüssen.
Fest steht: Der Schößmeier bzw. Laubmann bildet mit seinem prachtvollen Anblick alljährlich einen Höhepunkt der Vogteier Pfingstfeierlichkeiten und erfüllt alle Betrachter mit Lebensfreude und tiefer Demut zugleich.
Uwe Karmrodt & Hannes Hochheim
Juni 2026
(1) Ingeborg Weber-Kellermann: Laubkönig und Schößmeier. Geschichte und Deutung pfingstlicher Vegetationsbräuche in Thüringen, in: Zeitschrift für Volkskunde, Jg. 56 (1960), S. 366–391.