Geheimnisvolle Mallinden

“Kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das uns're weit und breit. Wo wir uns finden wohl unter Linden zur Abendzeit.” _Volkslied In der Mitte zwischen den drei Vogteidörfern Langula, Niederdorla und Oberdorla stehen die drei Mallinden. Im Allgemeinwissen der Vogteier soll unter diesen drei Bäumen Gericht gehalten worden sein. Das könnte stimmen. Viel spricht dafür. Genau wissen wir das nicht. Dazu folgt ein extra Artikel. Was wissen wir von den Mallinden? Die drei Bäume sind Linden. Die Linden, die nach Langula und Oberdorla zeigen, sind Winterlinden. In Richtung Niederdorla wächst eine Sommerlinde. Die Langulaer und Oberdorlaer Linden sind etwa 200 Jahre alt, die Niederdorlaer Linde zählt etwa 400 Lebensjahre.

Mallinden am 13. Oktober 2018

Foto: Michael Zeng

Wurden vor 400 Jahren auch Sommerlinden für Langula und Oberdorla gepflanzt? Gingen die beiden Bäume ein und wurden nach 200 Jahren neu gepflanzt, diesmal als Winterlinden? Oder gab es 200 Jahre lang nur die “Niederdorlaer Linde”? Und wurden dann 200 Jahren später erstmals je eine Linde für Langula und Oberdorla gesetzt? Wir wissen es (noch) nicht. Vielleicht findet das mal jemand heraus.

Vor etwa 400 Jahren, als die Niederdorlaer Linde aus einer Samenkapsel wuchs, begann der 30-jährige Krieg. Bis 1648 kämpften die Böhmen, große deutsche Fürsten und Anhänger des Kaisers miteinander und gegeneinander. Das lockte Schweden und Franzosen nach Deutschland. Denen ging es auch um die Macht in Mitteleuropa. Die Kaiserlichen riefen Spanier und Kroaten um Hilfe und schließlich kämpfte jeder gegen jeden. Das Volk musste alle Kriegsparteien ernähren und einkleiden. Da waren Freund und Feind gleich. Die Vogteier kamen auch nicht ungeschoren davon. Die Not war groß.

Als die Langulaer und Oberdorlaer Winterlinden noch Samen waren, feierten die reaktionären deutschen Fürsten den Sieg des Volkes über Napoleon I. Noch hundert weitere Jahre hatten in Deutschland Fürsten, Könige und Kaiser das Sagen. Die Vogtei wurde preußisch. Zuvor hatte die Vogtei 470 Jahre lang zum Kurfürstentum Mainz, zu Hessen und zum Kurfürstentum Sachsen gehört.

Die Langulaer und Oberdorlaer Linden sind Winterlinden und die Niederdorlaer Linde ist eine Sommerlinde.

Die Winterlinde, lateinisch Tilia cordata, wird auch Steinlinde oder Herzblattlinde genannt. Winterlinden können 40 Meter hoch wachsen und tausend Jahre alt werden. Die Langulaer und Oberdorlaer Linden sind also gerade mal keine Teenager mehr für lindige Verhältnisse. Der Volksmund sagt zum Alter der Linden: Dreihundert Jahre kommen, dreihundert Jahre stehen, dreihundert Jahre vergehen. Wie werden Linden bis zu tausend Jahre alt? Auch alte Bäume treiben immer neue innere Wurzeln, die verankern sich tief im Boden und bilden immer neue Kronen, wenn das alte Holz ringsum abstirbt. Linden verjüngen sich immer wieder von innen heraus.

Die Blätter der Winterlinden sind kleiner als die Blätter der Sommerlinden. Die Unterseiten der Blätter einer Winterlinde sind blaugrün. Am Nektar der Blüten sind Bienen und Nachtfalter interessiert. Linden sind für Bienen auch wichtige Lieferanten von Pollen. Pro Winterlinde und Blühsaison können bis zu 2,5 Kilo Honig gewonnen werden.

Winterlinden wachsen in ganz Europa sind aber auch im Kaukasus und Westsibirien verbreitet.

Was man mit Lindenholz machen kann, wollen wir in Bezug auf unsere schönen Mallinden gar nicht wissen. Sie sollen stehen bleiben und noch 600 und 800 Jahre lang von der Standhaftigkeit und Dreieinigkeit der Vogteier künden.

Die dickste und älteste Mallinde ist eine Sommerlinde, lateinisch Tilia platyphyllos. Die Sommerlinde gehört zu den Bäumen der Gebirge. Ihre Wurzeln sind in der Lage, den Baum auch an Schuttabhängen und auf Geröll zu halten. Die Sommerlinde kann an steilen Hängen und an den Wänden von Schluchten wachsen. An der Niederdorlaer Linde sehen wir die mächtigen Wurzeln, die dicker und kräftiger sind als die Stämme mancher Bäume.

Außerdem wächst die Sommerlinde in Höhen von bis zu 1450 Metern. In solchen Höhen sieht die Sommerlinde allerdings wie ein Strauch aus. Verbreitet ist die Sommerlinde in Süd- und Mitteleuropa. Sie kann 40 Meter hoch werden und ihr Stamm kann einen Umfang von neun Metern erreichen. Die Blätter der Sommerlinden sind größer als die Blätter der Winterlinde. Die Unterseite der Blätter der Sommerlinde leuchtet hellgrün. Die Unterscheidungsmerkmale kann man an den drei Mallinden gut erkennen.

Sommerlinden liefern nicht so viel Honig wie Winterlinden, “nur” etwa 800 Gramm pro Baum und Saison. Dafür kann man die jungen weichen Blätter als Salat essen. Die Blüten sind eher was für Tee. Seit dem 17. Jahrhundert ist die schweißtreibende Wirkung von Lindenblüten-Tee wissenschaftlich anerkannt.

Sommerlinden sind in der Tat Bäume, die gepflanzt wurden, um darunter Recht zu sprechen. Linden stehen oft inmitten von Dörfern. So stand die Sambacher Linde ursprünglich im Zentrum des Dorfes Tutterode, das zur Wüstung wurde.

Neben den Plätzen für Rechtsprechung überschatteten Linden auch Plätze für Feste und Tanzvergnügen. Manchmal wurde in alten großen Linden ein Podest für die Musiker errichtet.

Für die alten Germanen waren die Linden der Göttin Freya gewidmet. Die war zuständig für Liebe, Schönheit und Fruchtbarkeit. Was auch irgendwie zu Tanzvergnügen passt und zum Opfermoor. Der magische Wagen der Freya wird von Wildkatzen gezogen. Passt zum Hainich.

Ein kommender Artikel wird die Rechtsprechung in der Vogtei behandeln. Bis 1803 die Preußen kamen, war das Gerichtswesen in der Vogtei sehr kompliziert. Vertreter von Kurmainz, Hessen und Kursachsen sprachen in drei verschiedenen Gerichten Recht über Vogteier Angelegenheiten. Es gab drei Gerichte für verschiedene Rechtsbereiche wie Grenzstreitigkeiten, Kleinkriminalität (niedere Gerichtsbarkeit) und Kriminalverbrechen (hohe Gerichtsbarkeit). Dazu mehr in einem kommenden Artikel.

Michael Zeng

Vogteizeitung.de