Die Laudatio anlässlich der Enthüllung der Ehrentafel für den Heimatforscher Paul Karmrodt. Vorgetragen von seiner Enkelin Beatrice Olgun-Lichtenberg

Die Rede wurde am 16. September 2017 in Oberdorla gehalten von Paul Karmrodts Enkelin Beatrice Olgun-Lichtenberg. Olgun-Lichtenberg erzählt nicht nur von ihrem lieben Opa. Ihre Rede erzählt sehr viel von der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts und wie die Menschen umgingen mit schweren Situationen in ihrer Zeit. Freundlich der Vogteizeitung.de zur Verfügung gestellt von Beatrice Olgun-Lichtenberg.

Liebe Familie, liebe Freunde,


ich freue mich sehr über die Einladung, hier heute sprechen zu dürfen. Im Namen meiner Familie bedanke ich mich auch herzlich für die Ehrung, die unser Vater und Opa heute erfahren darf.


Ich bin sehr sicher, dass er sich – egal von wo auch immer er uns zuschaut - über diese Ehrung sehr  freut. Er hat diese Arbeit der Flurforschung, Ahnenforschung, die Betreuung von Abschlussarbeiten, das Schreiben an der Chronik u.v.m. geliebt. Als Rentner hat er sich jeden Nachmittag einige Stunden zum Schreiben und Lesen in sein Stübchen oben zurück Sein Tippen auf der Schreibmaschine war bei gutem Wind bis auf die Straße zu hören. Nach seinem Tod war auf einmal alles sehr still.

Ich habe im Vorfeld kurz mit Uwe Karmrodt gesprochen und wir dachten, es wäre vielleicht passend und interessant aus Paul Karmrodts Leben zu erzählen. Ich kann das natürlich nur aus der Enkelinnen-Perspektive. Aber von genauso vielen schönen Erinnerungen könnte auch unsere Mutter Karla berichten. Ich werde dabei einige Zeitsprünge machen und mich viel auf seine Aufschriebe beziehen.

Für mich gab es Oma und Opa immer nur als „Doppelpack“. Und so verwunderte es mich nicht, als Oma ihrem Paul nur wenige Monate später folgte. Die beiden waren eins und doch durfte jeder so sein, wie er eben war. Da, wo der eine mutlos wurde, ermunterte der andere. Da, wo der andere nicht achtsam genug war, kümmerte sich der andere um das Sicherheitsnetz. Es ging beiden immer darum, den nächsten Schritt in die gleiche Richtung – gemeinsam - zu machen. Ein Ziel wurde gesteckt, über die möglichen Wege dahin nachgedacht und los gings.

Mama Karla hat zur meiner Hochzeit eine Rede gehalten, dass der Mensch vieles doppelt besitzt – wohl aus gutem Grund. Zu zweit, mit einem/r Partner/in oder auch nur einem verlässlichen/r Freundin an der Seite, lässt sich vieles leichter ertragen aber auch erreichen. Freude erleben ist umso schöner, wenn man sie teilen kann. Ich bin sicher, dass Oma und Opa sehr glücklich darüber sind, dass ihre Tochter Karla hier nicht allein, sondern mit ihrem Partner (Karl Heinz) lebt.

Paul Karmrodt war ein Opa

Sein „Gustchen“ - Auguste Karmrodt war eine Frau,


Das Leben eines jeden Menschen hat seine Besonderheiten, Höhen und Tiefen, schöne, schmerzhafte Momente, die einen Menschen prägen.

Für Paul war es wohl der frühe Unfalltod seiner Mutter Auguste Karmrodt, geb. Breitbart. Sein Vater Martin Karmrodt, war im August 1923 schwer erkrankt an einem Luftröhrenkatarrh, die Mutter pflegte ihn. Sie war schwanger, was sie aber nie davon abhielt, trotzdem helfen zu wollen und so stieg sie früher als die anderen die Scheunenleiter hinauf. Plötzlich kippte ein Brett und sie fiel aus dem obersten Teil der Scheune in die Tiefe. Zu diesem Zeitpunkt saß Paul als kleiner 3jähriger Junge in der Küche, trank seinen Kakao und als er zur Haustür ging, wurde seine Mutter (schwer verletzt)an ihm vorbei getragen. Er durfte nur noch einmal vor ihrem Tod zu ihr und hat sich sein ganzes Leben an ihre Tränen erinnert. Viele tausende Kinder haben dieses Schicksal erleben müssen und tun dies noch heute, aber nur diese wissen auch, wie ein solcher Schmerz das Leben prägen kann. Als er älter wurde, wollte er immer mehr über seine Mutter wissen, wie sie aussah, dachte, geredet hat, ein paar Geschichten, die zu seiner Erinnerung werden sollten, aber sie wurde in seiner Umgebung eher totgeschwiegen, vielleicht in der falschen Annahme ihn damit zu schützen.

Der Vater seiner Mutter Johann Michael Breitbarth war damals Ortschulze und auch zeitweise stellvertretender Landrat. Auch er beschäftigte sich damals schon mit Heimatkunde. Er hatte sich sehr für die Errichtung des neuen Friedhofs in Oberdorla eingesetzt. Seine liebe Tochter Auguste wurde dort nun als erste beigesetzt. Der dritte Gast auf dem Friedhof wurde er selbst.

Sein Vater war dem kleinen Paul bei der Trauerarbeit keine große Hilfe. Er bewirtschaftete den Hof und engagierte sich politisch. Sein Bruder Erhard war schon älter und musste mithelfen. Die Familien waren damals sehr patriarchalisch organisiert. Für Privatsphäre und individuelle Wünsche war kein Platz. Pauls Vater heiratete noch einmal. Aus dieser Ehe stammten die beiden Schwestern Waltraud und Meta.

Die wichtigsten Bezugspersonen waren sein Pate Hermann Herwig und seine Großmutter Martha Christine Karmrodt, geb. Hartung. Nach dem 2. Weltkrieg wartete sie auf ihn bis er im Dezember 1949 aus der russischen Gefangenschaft zurückgekehrt war und verstarb wenige Tage später, glücklich, ihren Paul noch einmal gesehen zu haben.

Als Kinder hat er uns aber lieber die schönen und lustigen Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend erzählt, die bis zum Kriegsbeginn noch recht unbekümmert verlief. Zum Beispiel das herrliche Spielgebiet, der große Bauernhof mit dem riesigen Nussbaum. Der Trockenboden in der Ziegelei, eine herrliche Schlittenbahn im Winter, die Kinobesuche (damals wurden in der Gaststätte Deutscher Kaiser Stummfilme gezeigt, wie Pat und Patachon, Mickie Maus u. a. und als Eintritt musste sich der Vorführer Wollmann oft mit 1-2 Eiern begnügen. Später wurden diese Filme in der DDR als feindliches Gedankengut eingestuft gehalten und z. T. verboten.

Doch neben all dem Spielen gehörte das Lesen zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Jede Art von Büchern interessierte ihn und zum Glück gab es davon einige im Haus. Geschichte und Erdkunde waren seine Lieblingsfächer. Schon als Siebenjähriger konnte er sehr gut lesen und während sein Vater und sein Bruder Erhard im Pferdestall Seile drehten, las er ihnen bei der Arbeit vor. Bücher wie Buffalo Bill oder andere Western und Krimis, aus dem Atlas oder Lexikon. Er erzählte auch von den Lehrern, die bei krummer Laune mit Rohrstock um sich schlugen aber auf von den guten Lehrern, die ihm Vorbild wurden.

Er erzählte uns viel von Menschen, von seinen Beobachtungen -  immer mit einem liebevollen, humorvollen Blick auf seine Mitmenschen, nie anklagend oder hämisch. Es gab jedoch auch Begegnungen mit Menschen, die eine solche Niedertracht in sich trugen, dass man die Verletzungen in ihm noch viele Jahre später erahnen konnte. Der ein oder andere Nationalsozialist im Krieg gehörte dazu, der z. B. auf hungrige Menschen und Kinder schoss, weil sie keine Deutschen waren.

Opa Paul beschrieb seinen Vater Martin Karmrodt als jemand, der die Geselligkeit pflegte und ein guter Geschichtenerzähler war. Er war wohl 13 Jahre, als sein Vater eine Eröffnungsrede für eine Schutzhütte auf dem Kuhkopf hielt. Damals war er auf seinen Vater sehr stolz. Dieser wurde Amtsvorsteher des Amtsbezirks Vogtei, stellvertretender Landrat, Kreisbauernführer und auch Landtagsabgeordneter. Als solcher stand ihm zwar ein Opel als Dienstwagen zur Verfügung, den er aber nicht einmal für Freizeitfreuden nutzte. Martin Karmrodt war ein Mensch, der seine Aufgabe mit großem Verantwortungsbewusstsein ausführte, vor allem, um Verbesserungen herbei zu führen. Er wurde nach dem Krieg zuerst enteignet und dann in Kornwestheim bei Stuttgart interniert. Von einer amerikanischen Kommission wurde er 1948 im Rahmen der Entnazifizierung freigesprochen, besonders wohl auch deshalb, weil ihm nichts zur Last gelegt werden konnte und dies auch von Zeugen aus dem Ort bestätigt worden war.

Ein Zeckenbiss in Kindheitstagen war ein weiteres Ereignis mit weitreichenden Folgen, denn die Kopfschmerzanfälle begleiteten ihn tatsächlich sein ganzes Leben. Gleichzeitig rettete ihm die Zecke wahrscheinlich das Leben. Aufgrund der Hirnhautentzündung mit tagelanger Bewusstlosigkeit, verpasste er einen Ausflug zum Großglockner. Zwei von drei Thüringer Reisebussen stürzten bei Heiligenbluth ab. Es gab viele Tote.

Natürlich erfuhren wir als Kinder auch, welche Arbeiten damals für Kinder und Jugendliche anstanden und dass alle mithelfen mussten. Kartoffeln entkeimen und Disteln stechen waren wohl die von ihm am meisten verhassten Arbeiten.

Der zweite Weltkrieg hatte bei ihm tiefe Spuren hinterlassen, wie bei vielen Millionen Menschen auch. Aber er hat auch viele Weichen gestellt für sein späteres Leben. Im Gegensatz zu vielen seiner Altersgenossen, die dem Wahnsinn zum Opfer fielen, hatte er die Chance, sich ein neues Leben aufzubauen. Für dieses Glück war er zeitlebens dankbar!

Als 19jähriger wurde er im Sommer 1939 gemustert, hauptsächlich wegen seiner Senkfüße, kam er zur Luftwaffe. In vielerlei Hinsicht brachten ihm seine Füße Glück. Der Kampf als Kanonenfutter und Mann gegen Mann an der Front blieb ihm so erspart. Aber auch sein Stützpunkt bei der Luftwaffe blieb von herabfallenden Granaten und Bomben nicht verschont. Dass er gut lesen konnte, ein guter Beobachter war und sogar pädagogisches Geschick bewies, war der Grund, weshalb er oft besondere Aufgaben zugeteilt bekam, die mit direkten Kampfhandlungen nichts zu tun hatten. Später bekam er die Möglichkeit, sich zum Sanitäter ausbilden zu lassen und konnte so manchem Kameraden helfen.

Durch eine weitere glückliche Fügung des Schicksals bekam Paul 1941 den begehrten Posten als Telefonist in Lübars bei Berlin. Hier kam es immer wieder zu Gesprächen mit einer Einheit aus Frohnau und dabei fiel ihm immer wieder ein Mädchen auf, das sich nicht auf gewöhnliche Witze und Zoten der Soldaten einließ und schlagfertig dagegen hielt. Nach etwa einem halben Jahr kam er zum Stab nach Frohnau und war dort ganz erstaunt, dass sein Fräulein Korsch nicht die Riesenperson war, für die er sie gehalten hatte. Sein Fräulein Korsch stammte aus Altendorf bei Essen im Ruhrgebiet und war eher klein und zierlich. Durch ihre direkte, beherzte aber auch diplomatische Art wurde sie in ihrer Einheit sehr geschätzt. Gleichzeitig schlug ihr Herz aber für den Widerstand und gegen diesen Kriegswahnsinn.

Die beiden verlebten schöne Tage in und um Berlin. Jeder freie Tag wurde für ein Wiedersehen genutzt. Im März 1944 heirateten sie in Altendorf bei Essen. Die Schwiegermutter hatte Wunder vollbracht und wochenlang gespart und eine schöne Hochzeit ausgerichtet. Der Pate Herrmann war der einzige Gast aus Oberdorla.

Wenige Wochen nach ihrer Hochzeit landeten sie mitten im schwersten Beschuss auf Berlin und saßen im S-Bahnhof Kochstraße fest. Der Bombenhagel von oben, die SS Kettenhunde am Boden (diese hingen einfach Menschen als angebliche Kriegsdienstverweigerer auf offener Straße auf oder erschossen sie), der Krieg war eigentlich schon am Ende, aber es schien, als dass der Wahnsinn gerade erst zur Höchstform auflaufen sollte.

Später zurück auf dem Posten als Soldat entkam er mit seinen Kameraden auch hier wie durch ein Wunder mehreren Angriffen, wurde aber dennoch in Schönwalde von Angehörigen der polnischen Armee verhaftet. Es folgten 4 schlimme Jahre in russischer Gefangenschaft, erst in einem Arbeitslager in Sibirien, später in einem „normalen“ Internierungslager. Er wog zwischendrin weniger als 49 Kilo.

Auch aus den Jahren in Gefangenschaft gibt es unzählige Geschichten, für die jetzt aber die Zeit nicht reicht. Dass Opa Paul überhaupt noch ein zu Hause in Oberdorla hatte, verdankte er dem mutigen Handeln seiner Frau, die von einem Verwandten von der anstehenden Bodenreform informiert wurde und von Berlin nach Oberdorla gerufen wurde. Dort meldete sie sich sofort als „landarmer Landwirt“ und erreichte sogar, dass die Bodenreformkommission ihr Land übereignete. Nun hatte die junge Frau aus der Großstadt von Landwirtschaft und Viehhaltung keine Ahnung. Sie musste sich Geld borgen und steckte nun jeden Pfennig in das neue Vorhaben. Es war eigentlich ein Fass ohne Boden. Noch mir wurde von dem wackeren Gustchen erzählt, die mit einem 18 Zentner schweren Ochsen Tag für Tag auf dem Feld kämpfte. Dazu wurden ihr noch weitere 6 Personen in das Haus in der Mühlhäuser Strasse gesteckt, die kein Obdach mehr hatten. Zum Glück hatten ihre neuen Mitbewohner aber Ahnung von der Landwirtschaft. Frau Dierig war Gutsarbeiterin in Schlesien gewesen, Familie Röttig kam aus dem Sudetengau. Gemeinsam lief es dann besser und alle wurden satt. Als Opa Paul als einer der letzten im Dezember 1949 aus der Gefangenschaft kam, staunte er nicht schlecht, was seine kleine tapfere Frau da alles auf die Beine gestellt hatte.

Beiden war sehr schnell klar, dass die Landwirtschaft für sie keine Zukunft hatte. Es gab viel zu viele Rückschläge. Im Sommer 1950 wurden dann Lehrer gesucht und für diese eine einjährige Ausbildung angeboten. Bald saß er mit 180 Bewerbern im Gothaer Ernestinums. 6 Stunden mündliche und 6 Stunden schriftliche Prüfung. Er schaffte es. Die erste Hürde war genommen, doch das war erst der Anfang von vielen Stunden des Lernens und Arbeitens neben der Landwirtschaft und später auch dem Hausbau. Er liebte die Arbeit als Berufsschullehrer sehr und bis zum Schluss. Oma Gustchen hatte inzwischen durch ihre frühere sportliche Betätigung einen Arbeitsplatz als Sportlehrerin in der Berufsschule Mühlhausen erhalten.

Nach dem Mauerbau war Oma Gustchen viele Jahrzehnte getrennt von ihrer Familie. Kann sich das heute noch jemand hier vorstellen, dass es nicht selbstverständlich ist, zu seinen Eltern und Geschwistern zu fahren oder Anrufe anmelden zu müssen?

Trotz Entbehrungen und Mühen, die jede Familie damals hatte und auch heute noch meistern muss, gab es auch viele Gründe zur Freude. Die Familie, die Tochter Karla und die Enkelkinder. Seine erste Urenkelin Lara hat er sogar kennen gelernt und trotzdem er sehr krank war, sah man ihm die Freude an. Seine ganze Kraft nahm er zusammen, um mit ihr zu sprechen. Und Lara lauschte genauso fasziniert, wie jedes von uns Kindern.

Ich bin auch sehr glücklich, dass Opa und Oma meinen Mann Sezai und auch meine Schwiegereltern noch kennengelernt haben. Die gegenseitige Wertschätzung und Verbundenheit war von Anfang an spürbar. Oma Gustchen konnte sogar auf meiner Hochzeit dabei sein und passte dort auf ihre Urenkelin Lara auf, die irgendwann friedlich in einem Bettchen schlief, völlig unbeeindruckt von dem ganzen Partyrummel. Am 01. August starb Oma Auguste, nur wenige Tage nach der Geburt unseres Sohnes Kaya. Mittlerweile ist Mama Karla nun 5fache Oma! Alice und Eric mit ihrer Tochter Henrike Paula und Janine und Martin mit Magdalena und Titus.

Ein großes Glück im Leben sind auch die vielen Weggefährten und Freunde, die das Leben bereichern. Hilfsbereite Nachbarn (wie Helga Karmrodt) und Menschen, mit denen man gleiche Interessen und Ziele teilt.

Wir Geschwister haben hier auch gelernt, dass es wichtig ist, mal Arbeit Arbeit sein zu lassen und sich zu einem „gemütlichen Stündchen“ beim Karten spielen oder Erzählen zusammenzufinden. Auch heute zelebriere ich diese Gewohnheit mit meinen Kindern, es ist etwas so wertvolles, die Zeit kommt nie zurück.

…all das sind die Dinge, die wir Schwestern hier in diesem Haus gelernt haben und nun versuchen, unseren Kindern mit auf den Weg zu geben. An Vorbildern mangelte es uns nicht.

Vielen Dank.