70 Jahre Frieden in Langula

Ich war vor 70 Jahren Soldat in der Wehrmacht. Mit 16 zum Arbeitsdienst eingezogen, mit 17 an die Front – kein Mensch kann sich heute mehr vorstellen, wie kostbar der Frieden ist und was der Krieg aus Menschen machen kann.

Auch in Langula sollte bis zum letzten Mann gekämpft werden – alles andere stand unter Todesstrafe, die ´irgendjemand´ zu vollziehen hatte. Es gehörte also schon Mut dazu, sich diesem Befehl zu widersetzen. Dazu kommt noch die Ungewissheit, was denn die anrückenden Besatzungskräfte mit den Menschen machen würden, die als das deutsche Volk so viel Leid in anderen Ländern verursacht hatten. Würden sie sich rächen, so wie es immer propagiert worden war? 

Am 4. April 1945 rückte die Front mit den Amerikanern in Schussnähe von Langula. Was sie von Ferne beobachtet haben, erlebten Sie vor vielen Orten. Ein weißes Tuch raus aus dem Kirchturm, als Zeichen der kampflosen Aufgabe, dann war das Tuch wieder verschwunden, die anrückenden Soldaten mussten annehmen, dass es zu Kampfhandlungen kommen sollte. Was für sie hieß: Schießbefehl, Langula würde beschossen, kurzer Prozess, es war schon so viel zerstört und dieses fanatisierte Volk immer noch zu allem fähig.

Tatsächlich standen sich im Kirchturm Männer und Frauen gegenüber, die um das Wohl und Wehe vom Dorf entschieden. Einige Männer, die immer noch ihre soldatische Pflicht an oberster Stelle sahen, ihrer Idiologie, die sie so weit getrieben hatte, nicht absagen konnten, die vielleicht selbst Angst hatten, vor dem, was auf sie zukommt. Und andere mutige Frauen und vielleicht auch Männer, die sich diesen Männern in den Weg stellten und ein Laken hissten, die nicht noch in aller letzer Minute dieses Sinnlosigkeit mit verantworten wollten. Sie hatten schon so viel verloren – Männer, Brüder, Söhne, Onkel, Freunde, Väter. Und sie hatten unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte versucht, die Höfe zu erhalten, die Äcker zu bestellen, die Familien zu ernähren.

Die Mutigen haben gesiegt. Ich weiß nur, dass Frieda Bang aus der Eisenacher Straße, Ecke Ziegelstraße beteiligt war. Da ich selbst in Gefangenschaft war, kenne ich Handlung nur vom Erzählen. Armin Walter hat eine eidesstattliche Erklärung von einer ihm bekannten Frau bekommen, dass sowohl Männer als auch Frauen die Mutigen waren. Lassen wir es dabei.

Wichtig ist, dass so etwas nie wieder verkommt, dass wir uns immer an die Handlung der Mutigen erinnern. Wenn ich mit meinen 90 Jahren intensiver Lebenserfahrung in einer höchst wechselvollen Geschichte noch etwas weiter geben möchte, dann das. 

Berthold Fritzlar, Langula