“Ihr habt es geschafft!”

Die alte Orgel füllt wieder die Niederdorlaer Kirche mit Musik.

Der Niederdorlaer Gesangverein begleitet den Gottesdienst zur Orgelweihe

Der Niederdorlaer Gesangverein begleitet den Gottesdienst zur Wiedereinweihung der alten Orgel.

In der Niederdorlaer Kirche erklingt nun wieder öffentlich die alte Orgel. Das wurde am Ostersonntag, dem 16. April 2017, gefeiert mit einem Gottesdienst, bei Kaffee und Kuchen im Jugendheim und mit einem Orgelkonzert von David Schlaffke. Der gebürtige Mühlhäuser ist Organist in Amsterdam und gewann unter anderem 2007 Preise beim Orgelwettbewerb “Johann Sebastian Bach” in Arnstadt und 2009 beim Freiberger “Gottfried-Silbermann-Orgelwettbewerb”. Gleich das erste Stück des Konzerts war ein Orgelwerk von Matthias Weckmann, der um 1616 in Niederdorla geboren wurde und ein berühmter Organist und Komponist in Hamburg war. Das Stück hieß Praeludium Primi toni a.5. in D. Es folgten Stücke von Richard Wagner, Franz Liszt und Felix Mendelssohn Bartholdy. David Schlaffke beschloss das Konzert mit einem Stück vom jüngeren Bruder des Orgelbaumeisters und einer Sonate von August Gottfried Ritter, der nach dem Bau die Orgel abnahm.

Die Beschäftigung mit dem großen Sohn Niederdorlas, mit dem Komponisten des Barock Matthias Weckmann, ergab sich aus dem Engagement für die Alte Orgel. Günter Schlaffke hielt einen Vortrag, Weckmann bekam ein Denkmal, ausgeführt von Erhard Stiefel in Zusammenarbeit mit Günter Baumgart.

Musikalisch gestaltete den Festgottesdienst der Niederdorlaer Gesangverein mit den Bläsern Peter, Tristan und Adam Koppe, Max Ludwig und Sören Zilling. Viola Koppe und Peter Koppe spielten die Orgel. “Ein Stück sogar mit drei Händen und zwei Füßen”, verriet Viola Koppe lächelnd. Der Chorgesang mit Begleitung war ein Glanzpunkt im Gottesdienst. Die Niederdorlaer Organistin Viola Koppe freut sich auf die folgenden Gottesdienste und andere Gelegenheiten, die alte Orgel zu spielen.

Die Predigt im Festgottesdienst zur Orgelweihe hielt Regionalbischof Dr. Christian Stawenow. Er sagte: “Eine Orgel ist wie ein ganzes Orchester, aber eine Orgel klingt erst dann gut, wenn die Stimme der Gemeinde die Orgel ergänzt.” Der Bischof wandte sich direkt an die Menschen in der Kirche und an alle, die etwas für die Orgel getan haben: ”Ihr müsst kommen und mitsingen und alle einladen zu so einer schönen Orgel.”

Die Dorlaer Pfarrerin Sylke Klingner dankte allen, die den Gottesdienst mit vorbereitet hatten, und lud ins Jugendheim zu Kaffee und Kuchen: “Glauben Sie mir, wie die Vogteier so sind: Der Kuchen geht hier nicht aus.”

Der Orgel-Forscher Professor Dr. Lutz Wille hat sich mit Reubke-Orgeln beschäftigt. Er erklärte: “Nur vierzehn von hundert Reubke-Orgeln sind erhalten. Die alte Orgel in Niederdorla ist eine davon.”

Der Niederdorlaer Ortschaftsbürgermeister und stellvertretende Bürgermeister der Vogtei Eberhard Schill wandte sich an die Menschen, die sich für die Orgel engagiert haben: “Ihr habt es geschafft!” Er meinte damit den Freundeskreis Alte Orgel aber auch die vielen Spenderinnen und Spender und die vielen Helfer.

Schließlich sprach die ehemalige Niederdorlaer Pfarrerin Heidrun Senz. Sie hatte den Freundeskreis Alte Orgel mit ins Leben gerufen. Sie fasste viele Ereignisse zusammen, als sie sagte: “Es hat sich gelohnt. Alles hat und braucht seine Zeit. Auch die kleine Orgel hatte ihre Zeit. Es gibt immer Gründe für Entscheidungen.” Bei vielen Menschen in der Kirche wanderten bei diesen Worten die Gedanken zurück zu den schönen und anstrengenden Erlebnissen, die ihnen das Engagement für die Orgel brachte. Danach begann das Konzert und alle lauschten der neuen alten Orgel. Das Orgelspiel von David Schlaffke war das grandiose Finale. Dafür haben sich alle Mühen und Spenden gelohnt.

Zu sehen gab es auch etwas: Mit der Technik des Niederdorlaer Carneval Clubs (NCC) wurde das Spiel der Hände und Füße des Organisten auf eine Leinwand übertragen. “Wir helfen gern. Wir sind doch ein Dorf”, sagte der Techniker des NCC Heiko Tautor.

Mit 1 938 restaurierten Pfeifen füllt die alte Orgel das ganze Kirchenschiff mit ihrem Klang aus 31 Registern, also mit 31 Klangfarben. Die Musik kommt nicht mehr von vorn links, von der kleinen Orgel im Schrank. Die Musik kommt nun wieder von oben. Und drei Manuale, drei Tastaturen, das hat nicht jede Orgel, bei weitem nicht.

Die Pfeifen und die Mechanik reinigten und reparierten der Heiligenstädter Orgelbaumeister Karl Brode und sein Sohn Sebastian. Das Gehäuse sanierten die Mitglieder des Orgelkreises und Einwohner von Niederdorla. Der gebürtige Niederdorlaer Kunstmaler Günter Baumgart und der Niederdorlaer Winfried Langlotz vergoldeten wieder, wo 1971 Bronze aufgebracht war. Außerdem bemalte Baumgart den Prospekt der Orgel, also die Orgelpfeifen, die man von außen sieht. Günter Baumgart und der Düsseldorfer Künstler Werner Krause stellten zur Orgelweihe in Kirche und Jugendheim ihre Werke aus.

Die alte Orgel wurde 1874 von Emil Reubke fertig gestellt. Zur Prüfung reiste der Orgelvirtuose August Gottfried Ritter an. Er kam aus Magdeburg, um die Orgel zu testen und abzunehmen. Ritter schwärmte: “Bei aller Frische der Ansprache ist jede Härte und unangenehme Schärfe vermieden. Hat jedes einzelne Register die ihm zustehende Intonation. So stellen (...) sich die charakteristischen Klangfarben von den volleren zu den zarteren übergehend wohl unterschieden und in schöner Ausführung dar.” Im Jahr 1899 baute die Firma Knauf aus Bleicherode eine neue Mechanik ein.

Seit über dreißig Jahren war das Instrument verstummt. Alter, Feuchtigkeit und Staub hatten das alte Orgelwerk zerstört oder unbrauchbar gemacht. Da fanden sich im Jahr 2010 und dann ab 2013 Menschen zusammen, um Geld für die Reparatur zu sammeln. Sie gründeten einen Freundeskreis Alte Orgel. Das war nie ein Verein. Der Orgelkreis war eine Gruppe von Gleichen unter Gleichen. Zwei Engagieren kamen aus dem Gemeindekirchenrat. Die Namen der Mitglieder des Orgelkreises sind vermerkt auf einer Messingtafel am Gehäuse der neuen alten Orgel.

Weit über hunderttausend Euro mussten aufgebracht werden. Fast jeden Monat trafen sich die Orgelfreunde im Jugendheim. Sie suchten und fanden Ideen, um ihre Aufgabe zu bewältigen. Das Motto war: “Den Spendern sollte etwas geboten werden für ihre Spende oder ihr Engagement.” Künstler und Formationen gaben Konzerte. Jedesmal wurde Geld gesammelt. Und jede Hand wurde gebraucht, um die Konzerte vorzubereiten und um danach einen Imbiss zu bereiten. Der Freundeskreis selbst stellte ein Orgelkino auf die Beine, organisierte einen Trödelmarkt, lud ein zu einer Tombola, dachte sich andere Aktionen aus, immer nach ihrem Motto. Jeder brachte sich ein, mit dem, was er konnte und was ihm möglich war. Fördertöpfe wurden aufgespürt und angezapft. Elke Bergt brachte sich da sehr ein, wie viele betonen möchten.

Ideen fanden Hände und Mittel um Wirklichkeit zu werden. Eine Tafel am Gehäuse der Orgel zählt die Mitglieder des Orgelkreises auf. Dazu kommen aber viele Einwohner Niederdorlas, der Vogtei und der Region. Firmen, Vereine und einzelne Menschen brachten sich ein und spendeten. Ein großer Erfolg war und sind die Patenschaften über eine der vielen Pfeifen. Orgelpatenschaften wurden besondere Geschenke bei runden Geburtstagen und anderen Anlässen oder wurden eine schöne Erinnerung an die Heimat, wenn ein Niederdorlaer in der Fremde wohnt. Viele Pfeifen der Orgel warten noch auf Paten.

Zu den Fotos: Die Mitglieder des Gesangvereins stehen vor der Orgel. Das zeigt, wie groß das Instrument ist. Viele Besucher wollten wissen, wie die Pfeife klingt, für die sie eine Patenschaft übernommen haben. Orgelbauer Sebastian Brode steht im Inneren der Orgel und zeigt eine Pfeife aus Holz.

Michael Zeng, Text und Fotos