Jubiläum: Seit sechs Jahrzehnten närrisches Niederdorla

Der Niederdorlaer Carneval Club (NCC) feierte 60 Jahre Carneval in Niederdorla. Rund um den 11.11.2018 wurde vier Tage lang das typisch NCC-Feuerwerk abgebrannt.

Der Niederdorlaer Carneval Club (NCC) feierte 60 Jahre Carneval in Niederdorla. Rund um den 11.11.2018 wurde vier Tage lang das typisch NCC-Feuerwerk abgebrannt.

Der Niederdorlaer Carneval Club (NCC) feierte 60 Jahre Carneval in Niederdorla. Rund um den 11.11.2018 wurde vier Tage lang das typisch NCC-Feuerwerk abgebrannt.

Am Freitag, dem 9. November, ging es los mit einem Kommersabend. Geladen waren die beiden anderen Vogteier Karnevalvereine und der Partnerverein des NCC aus Reichensachsen in Hessen.  Der Vorsitzenden des Oberdorlaer Karnevalvereins Andreas Kämmerer regte an künftig einen gemeinsamen Vogteier Faschingsauftakt zu feiern. Wie das passieren soll, wird noch beraten. Der Langulaer Carneval-Präsident fand das Niederdorlaer Programm zum Kommersabend “super”. Der Vertreter der Narren aus Reichensachsen, Volker Stube, gratulierte.

Präsentiert wurde die Festschrift “60 Jahre Carneval in Niederdorla”, die ist ein kurzweiliges Handbuch und Lexikon des Niederdorlaer Carneval. Dort wird fündig, wer historische Fakten sucht und seine Freude hat an Fotos und gelebter Kultur in der Vogtei. Mit der Festschrift können Sie mitreden.

 Bernhard Ludwig hält eine Bütt seines Schwiegervaters

Das Jubiläum wurde beherrscht vom Programm mit seinen Sensationen, mit Show und Varieté ohne “rheinischem Tam Tam”, wie es der NCC-Präsident Jens Rauch ausdrückt. Mit Jens auf der Bühne standen die beiden ehemaligen Präsidenten des NCC: Erhard Ludwig und Ludwig Götz. Der NCC als Verein wurde 1975 gegründet.

Über den Kommersabend stand am 13. November ein Bericht in der Thüringer Allgemeinen und der Thüringer Landeszeitung. In dem Artikel, den Sie gerade lesen, soll es um den Jubiläums-Sonnabend und den Sonntag gehen und über das berichtet werden, was im TA-Artikel zu kurz kam.

Wie packt man fünfeinhalb Stunden Programm in einen Artikel mit drei Fotos? Mehr Fotos druckt das Vogteiecho nicht. Wie bekommt man also so viel Programm in wenig Text? Man versucht es. Das Programm des NCC ist lang, aber kurzweilig. So wie´s im Leben sein sollte. Der Bürgermeister von Niederdorla Eberhard Schill brachte es in seiner Bütt auf den Punkt: “Wie es jedes Jahr eine Steigerung geben kann, das versteht keine Frau und kein Mann.”

Damenballett und Teenies zeigten Tänze der vergangenen Jahrzehnte

 

Da es der zweite Artikel zum Jubiläum ist, soll Wert gelegt werden auf die “historischen” Nummern des Programms. Die aktuellen Akteure sind zum Fasching wieder im Fokus.

Beginnen wir am Anfang. Am Samstag um 19.11 Uhr und am Sonntag um 14.11 Uhr öffnete der Schatzmeister des NCC, Ulrich “Ulli” Schill, die Schiebetür zwischen Gaststube und Schenksaal. Dann zogen die Tanzmariechen ein und die Rote Garde. Danach gaben sich die Jubiläums-Majestäten die Ehre: Prinzessin Eva I. und Prinz Adam I. Sie waren die Majestäten zum Fasching 2018 und waren ja im Amt bis zum 11.11. Ihnen folgte der Elferrat in den Saal. Zum Jubiläum zogen die alten Recken auf, was denen großen Spaß machte.

Der Witz der Prinzenrede von Adam Koppe war, dass der Carneval auf alten Fotos immer schwarz-weiß aussieht. Natürlich betonte er, seine Prinzessin Eva-Maria Ackermann, würde ihm auch in schwarz-weiß gefallen. Ihr schönes blaues Kleid wäre allerdings ein buntes Bild wert, fanden alle.

Dann kam`s! Drei Präsidenten auf der Bühne: Jens Rauch und seine Vorgänger Erhard Ludwig und Ludwig Götz singen das Rosenmontagslied. “Das ist eine Ehre, dass ich das erleben darf, dass ich noch aktiv mit dabei sein darf”, sagt Erhard Ludwig: “Der NCC ist mein Leben. Ich unterstütze den Verein so gut ich kann.” Der zweite Präsident des NCC, Ludwig Götz war “emotional sehr berührt”. Für ihn war das Beste, “als wir als drei Präsidenten auf der Bühne waren”. Er gibt zu: “Ich konnte manchmal gar nicht singen, musste innehalten, weil ich schlucken musste”.

Schlucken mussten auch andere. Es gab auf der Bühne Wiedersehen mit Formationen, die zum Jubiläum wieder zusammenkamen nach vielen Jahren ohne Auftritte. Für viele waren dabei auch diejenigen mit auf der Bühne, die nun von ganz oben zuschauen. Wir sind sicher: Dort schunkeln sie lachend mit. Im Niederdorlaer Carneval leben sie weiter in den Chroniken und auf Fotos und in der Erinnerung von uns allen. Helau!

 Jörg "Bobby" Wendemuth hielt seine berühmte Bütt mit fast 200 Namen.

Zurück zur Lebensfreude und Sensation: Wer nach dem Einmarsch und den Reden noch nicht in Stimmung war, dem heizte wie immer die Rote Garde ein. Wenn die tanzt, ist Fasching. Zum alten Jubiläum gab´s modernste Musik. Kein Umtata, Power-Schlager pur, mit Roland Kaiser und Maite Kelly: “Warum hast Du nicht nein gesagt”. Die Rote Garde rockte dieses Lied. Trainerin ist Julia Rauch. Maite Kelly war im NCC-Jubiläumsprogramm auch zu Gast. Die NCC-Jugend ließ als Kellyfamily wieder den Saal toben. Und bei “Angel” waren die Feuerzeuge oben.

Zum Jubiläum waren Teenies und Damenballett und erfahrenes Damenballett gemeinsam auf der Bühne. Das Wunder wurde war: Nach den Ballett-Hits der vergangenen Jahre tanzten sage und schreibe gleichzeitig 18 Mädchen und Frauen auf der kleinen Bühne. Achtzehn! Tanzend! Gleichzeitig! Wie die sich zwischen den zehn Tänzen umziehen konnten, ist das zweite Wunder und bleibt verborgen in dem winzigen Zimmerchen neben der Bühne. Getanzt wurden die originalen Choreographien aus den vergangenen 20 bis 30 Jahren. Meist sogar in den originalen Kostümen. Los ging´s mit Can Can und dem, äh, bekannten Ende dieses Tanzes. Im Saal wurde es um einige Grade wärmer… Natürlich gab´s ein Wiedersehen mit “Icecream”. Und es stimmt: Unser NCC-Damenballett ist “Rocking all over the world”. Und bei den Rock´n´Roll-Pärchen tanzten die Damen die Männer gleich mit. Das nächste getanzte Lied riss mit wie der Song von Tina Turner: “Rolling on the River” in kurzen engen Glitzerkleidern. Für “It´s raining men” nutzte das Ballett den ganzen Saal. Die Damen schritten mit Regenmänteln und großen schwarzen Schirmen durchs Publikum auf die Bühne. Dort warfen sie das Regenzeug ab und glitzerten in schwarzen Glitzerkleidern. Beim nächsten Aufzug tanzte ein Teil des Balletts in engen Nadelstreifkostümen. Dann stiegen alle anderen ein. Und schließlich waren es 18 Damen. Die Choreographie teilte sich in zwei Gruppen, die lieferten sich ein Stepp-Duell. Perfekt, auf den Punkt. Um sich dann wieder zu vereinen, zu einem großen großen Ballett vom NCC. Wow! Viele Fotos und Infos zum Ballett, den Choreografien und Tänzen finden sich in der aktuellen Festschrift.

Da gingen selbst den JJ´s die Superlative und wörtlichen Steigerungen aus. Jens Ackermann und Jens Rauch führten seit 19 Jahren durch das Programm mit klassischen Ansagen und eigenen Sketchen. Programm im Programm. Ihre gespielten Märchen-Witze werden immer wieder Klassiker. Zum Jubiläum war Jens Rauch die Prinzessin beim Froschkönig. Jens Ackermann spielte den, äh, Bruder des Froschkönigs.

Die Theorie der JJs, warum der Carneval gerade vor 60 Jahren begann? Da kam die Antibabypille auf den Markt...

Klassiker sind auch die berühmen Videos des NCC. Zum Jubiläum gab´s legendäre Werbung zu sehen: für Thüflor und das Heimatecho: “Investigativ, objektiv, Lieferung an jeden Brennpunkt”. André Muder und Frank Scholz haben die Videos gedreht. Zum Jubiläum lieferte Frank Scholz die Vorlage zum Bühnenbild: Die Köpfe der drei NCC-Präsidenten im Mount Rushmore NCC Memorial. Das Bühnenbild selbst schuf Alexander Neubauer, wie schon seit 25 Jahren.

 Siegmar Zenge kam wieder als Sieglinde

Bernhard Ludwig hielt beim Jubiläumsprogramm seine Bütt von 1975 nochmal. “Als Erinnerung und zur Ehre von Günther Kilmer, meinem Schwiegervater, und dessen Leistung für den Carneval”, ist Bernhard wichtig zu sagen. Er sprach die Bütt auf Vogteier Platt und konnte über seine Schießkünste berichten: “Wie im Filme hätts geklopt, hoab nich ein Moal nochgelott.”

Eine weitere historische Bütt erklang mit Hans-Jürgen “Hansi” Böhm, seiner Tochter Christine Schulz und seinem Enkel Tizian. Hansi als männlich einfühlsamer Heimatdichter Böh Böh besucht die Praxis der Psychiaterin Frau Dr. Knalltüte. Tizian sprach über Mikro die Bauchrednerpuppe. Mit dem Puppenspiel und seiner Dichtkunst wollte Hansi Böh Böh die strenge Frau Doktor von seiner geistigen Gesundheit überzeugen… Nun ja. Die Familien-Bütt war auch eine Homage an Gudrun Böhm, mit der Hansi 1978 diese Bütt erstmals aufführte.

Seit 26 Jahren steht Jörg “Bobby” Wendemuth auf der NCC-Bühne. Bobby gab seine legendäre Namen-Bütt. Er spielte einen katholischen Priester, der über seine Erlebnisse in Niederdorla berichtet. Dabei verwendete er 169 heimische Familiennamen für gleichlautende Wörter wie: “Sei doch mal Schill, Du Muder. (...) Ich hoffmann, ihr habt euch nichts getan oder gar einen Wolf gelaufen. (...) Der Versuch war ganz schön hartung.” Kunst kommt von Können.

Die Tratschweiber Maurice Abe, Sven Ludwig und Robert Lauberbach suchten die Lachmuskeln heim. Tratschen und Trinken und das Dorfleben durch den Eierlikör ziehen. “Männer verstehen, das ist eben auch schwer, trink´mer gleich noch´n Likör.” Den Ehemann ins Grab gebracht - endlich! Prösterchen! Hauptsache, die Haare liegen.

Ein Wiedersehen gab es auch mit Natalie Pickel als Tanzmariechen. Elf Jahre war sie das Tanzmariechen bis ihr erst Lina Ackermann und dann Klara Stollberg nachfolgen. “Auf die Musik von Bakerstreet haben sich alle drei geeinigt”, verrät Anja Pickel über die Musikauswahl. Zusammen mit Natalie hat Anja die Tanzmariechen trainiert.

Zum letzten Mal wollte die Niederdorlaer Acapella-Gruppe Taktlos auftreten. Die Frage ging um: Warum? Vom Erfolg beim Publikum her, müssten sie nicht die Bühne verlassen. Zugaben sind den fünf jungen Männern immer sicher. Drei von den Taktlosen spielen sowieso bei Yellow, der tollen aktuellen Live-Band des Niederdorlaer Carnevals. Also, wenn drei Taktlose eh da sind...

Jetzt kommen wir zu drei Legenden des Niederdorlaer Carnevals. Wir kommen zu den Mollies und wir kommen zu den Spatzen und wir kommen zu Siegmar Zenge.

Es gab ein Wiedersehen mit den Mollies

Die Mollies gab es von 1985 bis 1993. Auf der Bühne standen Eveline Schlink, Gunhild Zilling und Sabine Laun und zu Bühnenzeiten Gudrun Böhm. Die taffen Frauen trällerten bekannte Lieder, deren Texte sie anpassten. So “Jetzt kommen die Süßen” nach dem Hit von Helga Hahnemann. Und dann sangen sie es: “Aus Niederdorla kommt die Musik”. Da waren sie wieder: Die guten alten Zeiten. Und für die Gegenwart gilt das ja auch. Musik wird groß geschrieben beim Carneval in Niederdorla.

Die guten alten Zeiten klangen auch aus den Spatzen. Die NCC-Spatzen zwitschern von 1988 bis 2007. Zum Jubiläum waren fünf Frauen und acht Männer auf der Bühne. Der Gesang war ein Erlebnis: Hochwertig mehrstimmig mit frivolen und sehr direkten Texten zu zeitgenössischen politischen Problemen im Dorf und in der Welt oder einfach nur über den Carneval. Und dann die gesungene Legende von 1988, ein Jahr vor der Wende: “Lasst uns übern Zaun eine Brücke baun, wir wollen nur mal schaun, ohne abzuhaun.” Legende. Das war zu spüren, wie ein Vibrieren in der Luft.

Dann kam Siegmar Zenge als Sieglinde. Er kam durch die Schiebetür und zog durch den Saal auf die Bühne. Im Saal passierte etwas sehr seltenes. Es war still. Wäre eine Stecknadel gefallen, es hätte gescheppert. Alle wollten Siegmar-Sieglinde hören. Er gab die elegante Dorf-Nu…, die exklusive Freuden-Dame: “Klamotten macht mir Lagerfeld, schließlich bin ich Frau von Welt”. Tja. Siegmar halt. Was will man schreiben? “Ich war mächtig aufgeregt”, sagt er selber.

Vieles kommt nicht mehr wieder aus den guten alten Zeiten. Und vieles ändert sich: Das Trio blieb und bleibt, seit 60 Jahren. Das Trio ist so alt wie der Carneval selbst. Nur 2000 gab es kein Trio im Programm. Zu Beginn sollen es wirklich mal drei gewesen sein. Aber im NCC gelten andere Gesetze. Bald waren es “Die Drei lustigen Vier, Das Trio zu viert oder zu fünft. Zum Jubiläum waren sieben Recken auf der Bühne. Egal: Das Trio bleibt ewig das Trio. Genauso ewig wie die gesungene Weisheit: “Fasching ist die schönste Zeit, die schönste Zeit im Jahr.”

Das Männerballett setzte wieder den Schlusspunkt und das Finale. Zum Jubiläum gab´s nochmal das Männerballett von 1995 Gespielt wurde ein Tag auf dem Vogteier Polizeirevier. Da kam alles zusammen: ein hysterischer Hauptwachtmeister, zwei trottelige Polizisten, eine nervige Oma, die drogensüchtige Dorf-Nutte, der Penner, der Einbrecher, ein besoffener Autofahrer und zwei Fußball-Hooligans. Und zum Schluss sangen sie alle den Gefangenenchor aus Nabucco, natürlich mit NCC-Text. Es wurde deutlich: Aus dem Männerballett führen dicke dicke dicke Wurzeln direkt ins heutige Sommertheater, das es auch schon seit zehn Jahren gibt und immer erfolgreicher wird.

Der eigentliche Star jedes Programms, auch des Jubiläums, und des Carnevals war und ist der NCC selbst. Der stand am Schluss wieder auf der Bühne und sang mit dem ganzen Saal: Wir sind alle alle eine Familie, wir sind alle alle ein Verein. Zur Schunkel-Hymne des Vereins gibt es nun einen Text, der stammt von Bobby.

Langes Programm - langer Artikel. Was noch fehlt, steht in der Chronik oder in der Festschrift oder in künftigen Chroniken oder wir haben es alle zusammen selbst erlebt. Die Aktiven sehen wir zu Fasching wieder, die Passiven treffen wir im Publikum und im Dorf. Wir können alle ansprechen und fragen. Die Familie gibts ja auch nicht nur zum Familientreffen.

Und dann: Sechs Jahrzehnte Carneval sind auch sechzig Jahre tolles, treues und nachwachsendes Publikum. Der NCC sagt danke!

Michael Zeng
NCC-Mitglied