Der Sonntag des Mittelpunktfestes: Der Tag der Vogteier

Ein altes Langulaer Siegel aus der Mitte des 18. Jahrhunderts zeigt drei dreiblättrige Kleeblätter die aus einer gemeinsamen Wurzel wachsen. Was für ein schönes Sinnbild der Vogtei. Am Sonntag des Vogteier Mittelpunktfestes zeigten die Vogteier: Wir sind zusammen die Vogtei und können feiern. Zum Vogteier Mittelpunktfest feierten die Vogteier mit Gästen ein neues Sommermärchen.

Vereine aus Langula, Niederdorla und Oberdorla vereinigten sich zum Großen Umzug. Über dreißig Vereine und Gruppen zogen an einem Strang durch Niederdorla. Was für ein Anblick! Danach wuselte alles auf dem Festplatz durcheinander! Vogteier Rechnungsmädchen und Burschen, die Dorlaer Feuerwehr, Mädchen der Carneval-Garde aus Oberdorla, Schützen aus Niederdorla, die Damen vom Niederdorlaer Carneval-Damenballett, Vogteier Elferräte, Gemeinderäte, Ortschaftsräte, Pfälzer Weinprinzessinnen, Vogteier-Trachten-Träger, Kinder, Senioren, Linedancerinnen und viele Musiker. Alle waren Vogteier oder Gäste. Und weil es regnete, strömten alle ins Festzelt. Alles sicher unter Obhut und Obacht des Roten Kreuzes und der Feuerwehr.

Im Festzelt freute sich der Landrat des Kreises, Harald Zanker: „Trotz Regen war es ein sehr schönes Fest. In den vergangenen 22 Jahren habe ich nicht nur die Kaiserlinde sondern auch den Besucherpunkt am Geographischen Mittelpunkt Deutschlands wachsen sehen. Regelmäßig suche ich mit nationalen und internationalen Gästen dieses geographische Highlight auf.“ Dort erläutert er „die Gegebenheiten der Vogtei, aber auch unserer gesamten Heimatregion.“

Der Sonntag, der 12. Juni 2016, begann mit dem Hähnekrähen des Geflügelvereins: ein biodynamischer Weckruf für einen tollen Tag.

Dann folgte ein Vogteier Gottesdienst am Mittelpunkt Deutschlands. Eingeladen hatten unsere beiden engagierten Pfarrerinnen: Sophie Kersten und Sylke Klingner, Langula und Dorla. Die Gemeinde Vogtei, das sind weltliche und kirchliche Gemeinde. Alle Bürgermeister waren da. Der Gottesdienst war gut besucht. „Die Bänke reichten nicht“, erinnert sich Pfarrerin Kersten lächelnd.

Was sich die beiden Pfarrerinnen vorgenommen hatten, trat ein: Der Gottesdienst war eine runde Sache, sommerlich und fröhlich. Der Chor aus Langula sang. Der Bläserkreis aus Oberdorla blies die Posaunen. Weithin schallte die fröhliche Vogteier Musik. Auf dem Altar standen Blumen aus Langula. Kreuz und Bibel kamen aus Dorla. Diese Mischung war beiden Pfarrerinnen wichtig. In den Fürbitten baten alle auch für die Gemeinschaft der drei Dörfer.

In ihrer Predigt musste sich Pfarrerin Kersten halten an das vorgegebene Thema des Sonntags im Kirchenjahr: Das Gleichnis vom verlorenen Sohn im Evangelium nach Lukas und die Stelle in der Bibel, in der ein Besitzer eines Weinberges anscheinend ungerecht Lohn zahlt. Er belohnt alle gleich, obwohl jeder unterschiedlich gearbeitet hat. Das Thema passte zum Fest: „Gott ist dieser Vater [des verlorenen Sohnes], Gott ist dieser Weingärtner. Niemand ist hier das Opfer, niemand ist hier der Böse. Keiner zockt einen anderen ab, keiner wird ausgenutzt. Es geht nicht ungerecht zu, es sei denn, wir empfinden das so“, predigte Sophie Kersten und erklärt: „Wir müssen nicht skeptisch oder neidisch nach rechts und links schielen, besser, origineller, christlicher, rechtschaffener, pflichtbewusster sein als der Nachbar. Und schon gar nicht mit dem Finger auf andere zeigen, sie anzählen, beurteilen. Wir stehen eh alle auf derselben Stufe, jedenfalls für unseren Herrn.“

Wir alle sind Vogteier! Zum Ausgang sangen alle das Lied „Möge die Straße uns zusammenführen“. Für Pfarrerin Sylke Klingner trifft das den Kern des Vogteier Mittelpunkt- und Partnerschaftsfestes: „Gemeinschaft erleben, zueinander finden, miteinander gestalten. Die Partnerschaft mit anderen Gemeinden wahrnehmen und leben.“Quer durch die Vogtei an den Mahllinden vorbei führt die Thüringer Landestraße Nummer 1016.

Nach dem Gottesdienst kam der Frühschoppen. Dazu hatten sich Schewer alias Torsten Böhm und Olli alias Oliver Adam gefunden als Disco-Team.

Dann kam der Umzug! Aufstellung war am Mahllindenweg und am Weisenheimer Weg. Der wurde zum Fest eingeweiht zu Ehren der Silberhochzeit der Partnerschaft zwischen Niederdorla in der Vogtei und Weisenheim am Berg in der Pfalz. Über dreißig Vereine und Gruppen zogen über die Mühlhäuser Straße durch die Hauptstraße an der Schenke vorbei. Dort kommentierten Christine Dietrich aus Langula und Jens Hochheim aus Niederdorla jedes Bild des Umzuges. Am Anger vorbei führte der Zug durch die Neue Riedstraße bis zur Marktstraße und wieder bis zum Landhotel Am Mittelpunkt.

Bilder sagen mehr als Worte: Farbige Fotos vom Umzug schmücken die Innenseite dieser Ausgabe des Vogteiechos. Danke für die Fotos an Volkmar Dietzel und Wolfgang Zeng, dem ehemaligen Lehrer.

Mädchen und Burschen der Rechnung traten als Vogteier Rechnungsmädchen und Rechnungsburschen auf. Alle können sich sehen lassen: die jungen Frauen in ihren eleganten Kleidern, die Burschen in feinen Anzügen.

Besonders die Rechnungsdamen sind Augenweiden, die gern fotografiert werden. Schon unsere Urgroßmütter registrierten, wie unsere Großmütter auf dem Anger angezogen waren, als die noch die Rechnung mitmachten. Die eigene Tochter oder Enkelin „woar de Schienste.“ Die eigene Rechnungsbraut sowieso. Jeder Vogteier lächelt über seine eigene Geschichte zur Rechnung.

Zusammen liefen auch die Kinder der Kinderrechnung aus Langula und Niederdorla. Die Niederdorlaer Rechnungsgesellschaft hatten sogar einen Rechnungsburschen „gefunden“, den sie zur Pumpe schleppten. Ein lustiger Teil der Pfingstrechnung in Niederdorla ist das „Verstecken“. An einem Pfingstmontag versuchen die Rechnungsburschen sich zu verstecken. Wen die Platzmeister und die Sucher finden, der wird auf eine Leiter gebunden und zur Pumpe geschleppt. Dort wird er mit kaltem Wasser „geweckt“. Gesucht und begossen werden nur Burschen. Damen dürfen ausschlafen.

Was will man schreiben? Es war ein grandioser Umzug der Vogteier und ihrer Gäste aus Weisenheim und Artern und Rennerod. Vielen Dank an Wolfgang Zeng, dem ehemaligen Bürgermeister, und Rüdiger Schönfeld und ihren Kollegen für die Organisation des Umzugs. Tolle Sache!

Zum Fest gehörte der Kammerforster Musikverein, der spielte im Umzug und gab ein Platzkonzert. Umjubelt wie immer. Die Trachtengruppe zeigte, wie stolz die Vogteier sein können auf ihre Tracht und ihre Vergangenheit. Unsere Tracht beeindruckte schon Heilige Römische Kaiser deutscher Nation. Wir wissen: Drei Vogteier Ortsvorsteher liefen im 18. Jahrhundert nach Wien zum Kaiser. Dort beschwerten sie sich über Ungerechtigkeiten. Beeindruckt von der Vogteier Tracht und Dreistigkeit lieh der Kaiser huldvoll sein Ohr. Auf dem Anger in Oberdorla steht das Denkmal dazu.

Aber unsere Vogtei ist auch modern. Die Vogteier Lindedancer zeigten ihr Können: Wildwest im Festzelt. Vielleicht eine Brücke zu den vielen Auswanderern aus der Vogtei nach Nordamerika Mitte des 19. Jahrhunderts. In der Gegend um St. Louis am Mississippi ließen sich viele nieder.

Top-modern ging´s zu zur Modenschau der Firma Theresa S. aus Mühlhausen nahe der Vogtei. Einziges Model aus der Vogtei: Doris Schulz! Das brachte Beifall! Gerd Muder modelte spontan mit und bewies: Der moderne Vogteier ist mutig und ist flott gekleidet. Mit Hütchen.

Sophia Wolf verzauberte mit ihren Liedern das Publikum. Mit ihrer Stimme füllte sie das Festzelt. Sie ist das Enkelchen von Reinhard und Tochter von Enrico. Sophia sang ein eigenes Lied „Sister Love“ und den Song „Good Time“ der Gruppe Owl City. Tolle Sache! Grandios.

Und am Schluss tanzten alle zur Musik vom Blamu Jatz Orchestrion aus Weimar.

Und hinter all dem Schönen standen viele viele Helferinnen und Helfer, die unsichtbar oder sichtbar da waren und halfen und mitgemacht haben. Manche halfen mit Geld, viele packten mit an. Und gaben Zeit und Energie für die Vorbereitung und Nachbereitung und sie taten, was getan werden musste. Hut ab und Dankeschön. Mehr dazu im dritten Teil des Berichts zum Vogteier Mittelpunkt- und Partnerschaftsfest.

Alle Fotos werden fein und bunt in der Vogteizeitung.de zu sehen sein.

Michael Zeng

Vogteizeitung.de

27.06.2016