Niederdorla und der Erste Weltkrieg: Verzweifeltes letztes Lebenszeichen eines 19-jährigen Soldaten

Niederdorla (Unstrut-Hainich-Kreis). Herzzerreißend waren im Sommer 1917 die Klagetöne der beiden abgenommenen Glocken. (TA)

"In Stellung werden wir wohl nicht kommen. Aber bei der nächsten Offensive links vom Rhein werden wir wohl wieder dabei sein", schrieb Alwin Kilmer am 2. Juli 1918 aus der Nähe der Stadt Amiens in Frankreich an seinen Bruder.


Die Karte sollte das letzte Lebenszeichen des damals gerade erst 19-jährigen Soldaten aus Niederdorla sein. Auf der Feldpostkarte ist eine Gruppe deutscher Soldaten offenbar mit ein paar mit französischen Zivilisten zu sehen.


Im Hintergrund hält einer der verzweifelt wirkenden Soldaten das Schild mit der Aufschrift "Die schäbigen Reste der Focharmee! Verteidiger Amiens! Hier ist keine Rettung mehr!"
So sollte damals auch das Schicksal des Niederdorlaers Alwin Kilmer besiegelt worden sein, denn am 27. Juli 1918 ist er knapp zwei Wochen vor seinem 20. Geburtstag an der Westfront gefallen. Im August fand dann die Schlacht bei Amiens statt. Diese folgte auf die zweite Schlacht an der Marne und leitete die sogenannte alliierte Hundert-Tage-Offensive ein.
Schicksal seiner Freunde hielt Paul Schill fest.


Alwin Kilmer ist einer der insgesamt 53 Niederdorlaer, die auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges zwischen 1914 und 1918 ihr Leben lassen mussten. Damit deren sinnloser Tod nicht in Vergessenheit gerät, hat sich der Kriegsteilnehmer Paul Schill (1900 bis 1984) in den 1960er- und 1970er-Jahren mit dem Schicksal seiner einstigen Freunde und Schulkameraden befasst und in der Dorfchronik von Niederdorla für die Nachwelt festgehalten.


So seien am 3. August 1918 die Dorfbewohner und Menscher der Umgegend ziemlich erregt gewesen. Denn eine Depesche meldete, das 25 französische Autos mit der Kriegsentschädigung Russlands an Japan auf der Fahrt von Eisenach nach Mühlhausen seien. Sie wären mit französischen Offizieren in deutschen Uniformen besetzt.
"In kurzer Zeit waren sämtliche Feldwege und Straßen gesperrt. Am Gunzelhofe wurde die Straße nach Eisenach von der Feuerwehr von Oberdorla und dem Schützenverein von Niederdorla überwacht. Am selbigen Tage wurde Autosperre angeordnet. Wie die Zeitungen berichteten, wurden bei Stuttgart mehrere französische Autos mit 80 Millionen Franc sichergestellt", hielt der Chronist Paul Schill unter anderem fest.


Am 7. August 1914 hätten auch die letzten Reservisten und Wehrmänner den Ort verlassen. "Damit standen 25 Mann in der Linie, 83 gehörten der Reserve und der Landwehr an. Am 16. August wurden durch ausgehängte Plakate die Jahrgänge 1893 bis 1895 aufgeboten.


Am folgenden Tage mussten sie sich um 10 Uhr auf dem Blobach melden. Hier wurde ein Bataillon von 1024 Mann zusammengestellt, das zur Bewachung von Gefangenen in Ohrdruf bestimmt wurden." Am 22. September seinen anlässlich des Sieges bei Metz auch die Häuser in Niederdorla beflaggt worden.


Das erste Kriegsopfer aus dem Ort war Ernst Kiesel


Der erste Gefallene aus Niederdorla war der Musketier Ernst Kiesel. Ihm folgte der Wehrmann August Stollberg, der Frau und zwei Kinder hinterließ. Der dritte Gefallenen war der Tambour-Gefreite Gottfried Welling. Weiter hielt Paul Schill fest in der Kriegschronik, dass der Wehrmann Albert Wenk am 5. September 1914 das Eiserne Kreuz verliehen bekam. Er hatte mit einem Kameraden einen verwundeten Unteroffizier unter Lebensgefahr aus starkem Granatfeuer geholt.


Wie die Chronik des Vogteidorfes weiter besagt, seien am 18. Juli 1915 in Begleitung von zwei Landsturmleuten zehn gefangene Franzosen auf dem hiesigen Gut eingetroffen, um als Erntearbeiter tätig zu sein.


Während der Krieg an den Fronten tobte und immer mehr gefallene junge Männer aus Niederdorla zu beklagen waren, wurden die Menschen in der Heimat Zeugen eines ganz anderen emotionalen Ereignisses. Dabei handelte es sich um die Abnahme der großen und kleinen Glocke der Kirche "St. Johannes" am 11. Juni 1917.


"Herzzereißend waren die Klagetöne der Glocken beim Zerschlagen anzuhören. Zum letzten Male wurden sie bei dem öffentlichen Begräbnis des auf dem Felde der Ehre gefallenen und auf dem hiesigen Friedhof beigesetzten Landwirtes und Unteroffiziers Emil Götz geläutet", steht in der Schulchronik.


Beim Abschied der geliebten Kirchenglocken seien viele Tränen vergossen worden. Die zerschlagenen Glocken lieferten etwas über 43 Zentner Metall. Dabei waren die Glocken erst im Jahr 1912 von der Firma Franz Schilling und Söhne in Apolda gegossen worden.


Niederdorlas Ortschronistin Irene Ludwig und ihr Mann Bernhard, die seltenes Bildmaterial und Feldpostkarten von Kriegsteilnehmern und Gefallenen aus ihrem Verwandtenkreis bewahren konnten, recherchieren auch zu anderen Kriegsopfern aus dem Dorf. Möglicherweise schlummern hier und da noch Dokumente, die Ortschronik bereichern könnten.


Reiner Schmalzl / 25.10.14 / TA